Andere sehen den Einsatz der Bundesregierung und Genscher für
Chodorkowski ähnlich:
Weil es im Zusammenhang mit Chodorkowski viel Kritik am russischen
Justizsystem gibt: In USA ist es ja nicht besser, Gewaltenteilung gibt es
da schon lange nicht mehr. Die amerikanische Regierung versucht gerade mal
wieder, Gerichtsverfahren in der NSA-Spitzel-Affäre zu verhindern, wie
Golem berichtet, und vermutlich wird sie erfolgreich sein.
Rechtsfreie Räume gibt es nicht im Internet (entgegen aller Behauptungen),
wohl aber bei staatlichen Institutionen.
Kommt Ihnen der Verdacht auch immer wieder? Daß tatsächlich die BRD der
DDR beigetreten ist und uns nur etwas anderes erzählt wurde?
Wir werden von einer Ostdeutschen regiert, die in ihrer ganzen
Erziehungsphase sozialistisches Gedankengut aufgesaugt hat. Selbst, wenn
sie es wollte, kann sie es nicht so einfach über Bord werfen. Ihr
Regierungsstil unterscheidet sich nicht besonders von dem Honeckers mit
seinem Politbüro. Allein ihre Reden sind so eintönig, phrasenreich und
inhaltslos, daß sie auf jeden SED-Parteitag gepaßt hätten. Auch ihre Partei
ist mittlerweile entsprechend linientreu. Säuberungsaktionen verlaufen zwar
(noch) nicht in der Geschmacksrichtung »Pjöngjang«, aber Unkonforme werden
seit Jahren herausgeekelt. Selbst treueste Parteisoldaten wie Bosbach
werden da beim Abweichen von der Linie mit »Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen« beschimpft. Man muß
davon ausgehen, daß das kein Einzelfall ist.
Mit dem Bundestag ist es nicht viel besser. Der nähert sich auch immer
mehr der DDR-Volkskammer an. Richtig parliert wird im Parlament schon lange
nicht mehr, denn dazu würde gehören, daß man sich valide Argumente der
Opposition auch mal zu Herzen nimmt und sich, jenseits der Parteidoktrin,
in seiner Meinung beeinflussen läßt. Aber das Abstimmverhalten wird ja
schon lange von den Parteien vorgegeben, eigene Positionen oder gar der
rezipierte Wählerwille sind nicht mehr gefragt,
Artikel 38 Absatz 1 Satz 2
Grundgesetz nur noch eine Worthülse. Mittlerweile regt sich niemand
mehr auf, wenn im Koalitionsvertrag folgendes steht (Seite 184):
Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die
Koalitionsfraktionen einheitlich ab. Das gilt auch für Fragen, die nicht
Gegenstand der vereinbarten Politik sind. Wechselnde Mehrheiten sind
ausgeschlossen.
Dank der nun ziemlich kleinen Opposition im neuen Bundestag wird es auch
nicht besser werden. Ein paar Minuten dürfen die Linken und Grünen reden,
den Rest der Zeit werden sich die Regierungsabgeordneten in
Selbstbeweihräucherung ergehen. Erste Erfahrungen siehe auch hier (via Fefe).
Über unseren Ost-Bundespräsidenten muß man auch nichts weiter sagen. Man
hatte sich von ihm etwas mehr erwartet als von seinen beiden Vorgängern.
Aber er geriert sich als nicht besonders engagiert, ziemlich mutlos und
unfähig des Lerntransfers. Anders ist folgendes Zitat von Gauck nicht zu
erklären:
Wir wissen zum Beispiel, daß es [Anm.: die NSA-Schnüffelei] nicht
so ist wie bei der Stasi und dem KGB, daß es dicke Aktenbände gibt, in
denen unsere Gesprächsinhalte alle aufgeschrieben und schön abgeheftet
sind. Das ist es nicht.
(Originalquelle leider auf die Schnelle nicht gefunden, aber in der
Süddeutschen Zeitung zitiert.) Irgendjemand muß ihm dann gesagt
haben, was er für einen Blödsinn da erzählt hat, nachdem er später diese
Aussage revidierte. Aber der Eindruck einer eher willenlosen Marionette von
Merkels Gnaden bleibt.
Auch ist man dabei, das Erziehungssystem nach DDR-Vorbild umzubilden. Der
erste Schritt, ein Schulsystem zu schaffen, das im wesentlichen
marktkonforme, politisch ignorante Abgänger produziert, ist praktisch
abgeschlossen – Pisa-Studie und Rechtschreibreform zeigen das. Den zweiten
Schritt, die »Lufthoheit über den deutschen Kinderbetten« zu erlangen, wie
es Olaf Scholz schon 2002 formulierte, hat man dank »Kitas« fast
erreicht. Man hat die öffentliche Meinung so manipuliert, daß es
mittlerweile fast anrüchig ist, wenn man seine kleinen Kinder selber
erziehen will. Der dritte Schritt, die politische Indoktrination, ist
bestimmt schon in Planung…
Ist das nicht der Wahnsinn? Was für ein Held muß Chodorkowski sein, wenn
man sich die Tagesschau anschaut! Offenbar fast auf einer Stufe mit Mahatma
Gandi, Mutter Theresa und Nelson Mandela. Nicht gerade, daß jetzt noch
Sondersendungen ins Programm genommen werden. Und das geschwurbelte Reden
von Merkel, »Genschman« & Co, un-glaub-lich!
Sicher hat er auch etwas geleistet, hat Putin die Stirn geboten (und
dafür auch die Quittung bekommen). Aber andererseits muß man sich fragen,
wie er legal vom mittellosen Kommunisten zum Milliardär werden konnte. Und,
warum er einen so pro-westlichen Kurs vertreten hatte. Nur aus Liebe zur
Demokratie, zur Freiheit, zu seinen Landsleuten?
Wenn man jetzt diese doch etwas zweifelhafte Gestalt mit Edward Snowden
und seinem uneigennützigen Einsatz vergleicht, dann bekommt das – für die
Freilassung wohl nicht wirklich relevante – Engagement von Genscher und
Merkel (mitsamt des Staatsapparats) doch einen äußerst fahlen Beigeschmack
ob des doppelten Maßes, das diese Herr- und Damenschaften da anlegen.
Beim Bundesverfassungsgericht bahnt sich die nächste Ohrfeige für die
vielen »Super«demokraten in unserem Bundestag an. Nach der letzten
Europawahl 2010 hatten mehrere kleine Parteien, die nicht ins EU-Parlament
gekommen waren, gegen die 5%-Hürde geklagt. Das Bundesverfassungsgericht
gab ihnen 2011 recht und erklärte jegliche Hürde für
verfassungswidrig. Der Bundestag mußte also das Wahlgesetz neu regeln.
Was machen unsere Superdemokraten, mit Ausnahme der Linken? Sie
beschließen eine 3%-Hürde – die klare Ansage des Urteils ignorierend, weil
sich die Bedeutung des Parlaments geändert habe. Auf der Hand liegt ein
ganz anderer, offensichtlicherer Grund: Sich die Konkurrenz vom Leib zu
halten.
Natürlich gehen die kleinen Parteien wieder vor das BVerfG. Da war, wie
die FAZ ausführlich berichtet, jetzt die mündliche Verhandlung dazu.
Die Fragen des Vorsitzenden Richters Dr. Voßkuhle lassen kaum Zweifel
aufkommen, daß er die Argumentation für die 3%-Hürde für heiße Luft
betrachtet, insbesonders, weil die angeblich geänderte Bedeutung auch schon
im Verfahren von 2011 bekannt und berücksichtigt gewesen ist.
Daß die Klage erfolgreich ist, ist schon sehr naheliegend, und wird dann
eine Ohrfeige für den Bundestag wegen des Ignorierens des BVerfG. Noch
schallender dürfte sie werden, wenn das BVerfG eine Ersatzregelung mit
Gesetzescharakter beschließt, damit für die im Mai sich wiederholende Wahl
die Hürde definitiv nicht mehr gilt. Unwahrscheinlich ist das nicht –
sollte das Gericht noch Vertrauen darin haben, daß der Bundestag noch
rechtzeitig und eine urteilskonforme Neuregelung beschließt? Eher
nicht.
Als Demokrat ist zu wünschen, daß die Hürde abgeschafft wird.
Andererseits wäre es doch wunderschön, die FDP auch noch an der von ihr
selbst mitbeschlossenen 3%-Hürde scheitern zu sehen…
Nun ist er endlich da, der Grantler-Blog. Der Name des Blogs ist zum
einen eine kleine Reminiszenz an meine Geburtsstadt, die neben Wien die
Heimatstadt des Grantlers ist. Ein solcher ist auch der von Ludwig Thoma
geschaffene Alois
Hingerl, der über den Blog wacht.
Zum anderen soll der Name Programm sein: Keine tiefgreifenden Analysen,
dafür ein bißchen polemisch, ironisch und frech. So soll der Irrsinn dieser
Welt, speziell im politischen Bereich, kommentiert werden. Ich hoffe, er
findet ein wenig Interesse, sodaß der GoogleBot nicht der einzige
regelmäßige Besucher ist.