Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis die GroKo ihre ⅔-Mehrheit
ausnutzen will. Ich hätte beinahe mit einem Kollegen gewettet, und ich
hätte jetzt verloren. Er hatte vorhergesagt, daß der erste Wunsch nach
einer Grundgesetzänderung noch dieses Jahr kommt. Ich hatte dagegen
gemeint, sie würden sich damit noch wenigstens bis nach Neujahr Zeit
lassen.
Nun, da ist er: Die Legislaturperiode soll von vier auf fünf Jahre verlängert
werden. Also soll Deutschland wieder ein Stückchen undemokratischer
werden. Wäre ja auch einmal neu gewesen, wenn etwas für die Bürger
herausspringen würde.
Wirklich griffige Argumente wurden nicht vorgebracht. Es wäre
»gründlicheres und weniger vom Wahlkampf getriebenes Arbeiten«
möglich, so SPD-Mann Michael Hartmann laut Spiegel. Tja, zwei Witze in
einem Satz: gründlich und Arbeiten.
Warum dann nicht gleich 10 oder 20 Jahre? Das wäre dann wenigstens
ehrlich bei unserer Scheindemokratie.
Ich las gerade einen Bericht über ein Urteil eines amerikanischen Gerichts pro
Massenüberwachung. Neben diversen anderen, sehr obskuren,
realitätsfernen und widerlegten Argumenten, die offenbar da in dem Urteil
auftauchen und die genauso diskussionswürdig wären, picke ich mir eines
heraus, weil dieses in Deutschland auch immer wieder von den Datensammlern
gebracht wird, z.B. in einem mir bekannten erstinstanzlichen Urteil zur
Gesundheitskarte:
Die Tatsache, daß viele Menschen freiwillig einen Teil ihrer privaten und
persönlichen Daten in den Social Media1, also Facebook, Google+,
Twitter und dergleichen, zur Verfügung stellen, legitimiere die
staatliche2 Sammlung der Daten aller Menschen, auch solcher
Daten, die Menschen typischerweise nicht freiwillig hergeben. Die Menschen
seien daran gewöhnt.
Das ist natürlich verquere Logik, aus mehreren Gründen:
-
Weil einige, von mir aus auch viele, etwas freiwillig tun, impliziert
das nicht, daß man dem Rest das auch einfach abverlangen kann.
-
Freiwilligkeit impliziert nicht Problembewußtsein und Akzeptanz der
Konsequenzen.
-
Freiwilligkeit impliziert nicht Grenzenlosigkeit.
-
Bei Grundrechtsverletzungen sollte es kein Gewohnheitsrecht geben.
Um es deutlicher zu machen, wende ich die Logik der Befürworter mal auf
das Rauchen an:
-
Weil viele Menschen freiwillig rauchen, manche auch nur gelegentlich,
dürfen alle Menschen zum permanenten Rauchen gezwungen werden, inklusive
Kinder und Kranke.
-
Weil viele Menschen freiwillig rauchen, kann Rauchen nicht schädlich
sein.
-
Weil die Raucher durchschnittlich 3-4 Filterzigaretten pro Tag rauchen,
dürfen die Menschen gezwungen werden, 10 dicke Zigarren pro Tag – ohne
Filter und mit Zugabe von Teer und Menthol – zu konsumieren.
-
Weil Aktiv- und Passivraucher daran gewöhnt sind, an Krebs und anderen
Folgeerscheinungen zu erkranken und zu sterben, ist der Rauchzwang
unproblematisch.
Ergibt das einen Sinn? Natürlich nicht! Bis auf Tabaklobbyisten
würde sich jeder an den Kopf fassen und das für verrückt erklären. Warum
tun es dann die Menschen nicht auch bei dieser elenden Datensammelei?
Also:
-
Ein Teil der Menschen kann freiwillig Daten über sich
preisgeben, auch die intimsten, einem kleineren oder größeren
Personenkreis. Es ist und bleibt aber die Entscheidung jedes einzelnen,
wieviel und wem. Das ist die vom Bundesverfassungsgericht definierte
»informationelle Selbstbestimmung«.
-
Menschen geben private Daten preis, ahnen aber häufig nicht, daß diese
Daten später gegen sie verwendet werden (können), zum Beispiel vom (Ex-)
Partner, von vermeintlichen Freunden, Arbeitgebern, Versicherungen, vom
Finanzamt, von der Polizei, von Geheimdiensten usw.
-
Menschen zeigen vielleicht ihre Urlaubsfotos in ihrem virtuellen
Bekanntenkreis her. Das heißt aber nicht, daß sie auch Fotos von
Bettszenen in ihrem Schlafzimmer genauso teilen würden, oder auch
komplett andere Daten, z.B. mit wem sie kommunizieren, wo sie sich sonst
aufhalten, welche politische oder religiöse Meinung sie vertreten usw.;
auch nicht, daß sie den Zugriff von ihnen unbekannten Schnüfflern auf
diese Daten erlauben würden.
1 häufig falsch übersetzt als »soziale Medien« statt
»gesellschaftliche Medien«, genau wie damals, als der Personal Computer
noch als »Personal-Computer« und nicht als »persönlicher Computer«
bezeichnet wurde 2 oder staatlich sanktionierte, wie bei
der Vorratsdatenspeicherung, der Gesundheitskarte oder den Smart
Meter-Geräten
Die Grünen sind auch nicht besser als die Regierungsparteien (alt wie
neu). Nicht, daß ich den Auftritt der einen Femen-Aktivistin im Kölner Dom
für besonders schlau finde, zumal mindestens mir die Message hinter »I am
God« nicht klar wurde – die Reaktion der Grünen haben aber einen Grad der Doppelmoral:
Zum einen finden die Grünen die Verurteilung der Pussy-Riot-Mitglieder
für untragbar, bezeichnen aber die Femen-Aktion als »eine unnötige
Störung der Gläubigen beim Gottesdienst«. Man könnte diese Bezeichnung
schon so interpretieren, daß sie das als Hausfriedensbruch in einer
schweren Form betrachten. Immerhin geht das Strafmaß auch bis zu drei
Jahren Haft (wenn auch nicht Zwangslager).
Zum anderen ist das zweierlei Maß, daß ausgerechnet Volker Beck das sagt.
Das ist der, der in seinem persönlichen Anliegen kaum eine Gelegenheit zur
Provokation ausläßt, und der in seiner Person und dann noch als
religionspolitischer Sprecher schon für viele erzkonservative
Gläubige selbst eine Provokation sein dürfte.
Wie der aufmerksame Leser weiß, versucht Ozeanien, zur Zeit besser noch
bekannt als Großbritannien, in Sachen »Freiheitsrechte« seinen großen
Vorbildern Saudi-Arabien, Iran und China nachzueifern. So werden die Briten
seit kurzem mit einem »Porno-/Gewalt-/Extremistenfilter« zwangsbeglückt,
auch wenn es im Moment noch die Möglichkeit des Opt-Outs gibt (man muß sich
beim Provider freischalten lassen).
Was bei uns die Gegner des
Zugangserschwerungsgesetzes, welches damals von
»Zensursula«
von der Leyen und
Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester
Freiherr von und zu Guttenberg mit Unterstützung der Verräterpartei SPD
in die Wege gebracht und später auf Druck der Zivilgesellschaft wieder
abgeschafft, vorhergesagt haben, tritt nun in Großbritannien verstärkt ein:
Das over-blocking.
Waren vor etwa einer Woche noch nur aufklärerische Seiten im sexuellen
Umfeld betroffen, wie Heise
berichtete, gibt es jetzt einen erneuten Fall. Da wurden nun laut der
Zeitung Independent von O2 auch die British Library und die National
Library of Scotland sowie weitere unbescholtene Seiten blockiert.
Ironischerweise war auch die Webseite von Claire Perry, einer britischen
Politikern, die sich sehr für diesen idiotischen Filter eingesetzt hat,
dabei. Als britischer Netzwerkbetreiber hätte ich sowieso alle Befürworter
gleich mit auf den Index gesetzt. Dann hätte man mal juristisch klären
müssen, wer denn mit welcher Autorität bestimmt, was für das britische Volk
gut und schlecht sei.
Ich hoffe aber für die britische Bevölkerung, daß auch sie genügend Druck
aufbauen kann, um diese schwachsinnige Bevormundung wieder
abzuschaffen.
Eine Weihnachtsansprache (hier umrahmt von einem FAZ-Artikel), die man sich im Gegensatz zu dem Geschwurbel unseres
Bundespräsidenten antun sollte. Ich denke, Edward Snowden wird nichts
dagegen haben, wenn ich sie hier voll zitiere:
Hi. And Merry Christmas. I am honored to have a chance to speak with you
and your family this year. Recently we learned that our governments,
working in concert, have created system of worldwide mass surveillance
watching everything we do.
Great Britain’s George Orwell warned us of the danger of this kind of
information. The types of collection in the book, microphones, video
cameras, TVs that watch us, are nothing compared to what we have available
today. We have sensors in our pockets that track us everywhere we go.
Think about what this means for the privacy of the average person. A child
born today will grow up with no conception of privacy at all.
They’ll never know what it means to have a private moment to themselves,
an unrecorded, unanalyzed thought. And that’s a problem. Because privacy
matters. Privacy is what allows us to determine who we are and who we want
to be.
The conversation occurring today will determine the amount of trust we
can place both in the technology that surrounds us and the government that
regulates it. Together we can find a better balance, end mass surveillance
and remind the government that if it really wants to know how we feel,
asking is always cheaper than spying.
For everyone out there listening, thank you and Merry Christmas.
Weil ich darüber schrieb, wie der Staat über das Schulsystem die
zukünftigen Generationen verdummt, hier noch der Verweis auf drei
interessante Artikel in der »Welt«, [1], [2] und [3], ein und desselben Autors.
Inoffiziell war die Rechtschreibreform zu einem nicht geringen Teil eine
Lobbyaktion der Wörter- und Schulbuchverlage (u.a. Bertelsmann), die viele
neue Bücher verkaufen wollten. Dank leerer Kassen bei Bürgern und Staat
ging das aber ziemlich nach hinten los. Offiziell hatte sie natürlich ein
hehres Ziel, nämlich, das Schreiben zu erleichtern, wenn auch auf Kosten
des Lesers.
Wie sich nun nach 17 Jahren Reform und Re-reform und Re-re-reform usw.
herausstellt, wurde das Ziel nicht im Ansatz erreicht, sondern das pure
Gegenteil. Zusammen mit ähnlich sinnvollen Maßnahmen wie dem »Schreib,
wie Du es hörst« und dem kultusministeriellen Verbot von Diktaten hat
es dazu geführt, daß laut Untersuchung gerade mal »22 Prozent der
getesteten Schülerinnen und Schüler in der 9. Jahrgangsstufe als kompetente
Rechtschreiber angesehen werden« können. Im Durchschnitt werden von den
Schülern heute rund doppelt soviele Schreibfehler gemacht wie vor der
Reform. Einen herzlichen Dank nach Mannheim an die Möchtegern-Experten für
ihren Rohrkrepierer!
Die EU tut sich ja selber reichlich schwer, den Nutzen der
Vorratsdatenspeicherung mit belastbaren Fakten zu begründen. Das geht der
von der amerikanischen Regierung eingesetzten Expertenkommission so
ähnlich, wie Heise berichtet. Sie
findet, daß die Vorratsdatenspeicherung selbst keine Anschläge verhindert
habe. Bemerkenswert ist auch folgende Aussage:
…Zugleich unterstrichen die Experten, daß die US-Bevölkerung nicht
Aussagen staatlicher Stellen vollständig vertrauen solle. Große
Datenanhäufungen schafften immer die Versuchung, Macht zu mißbrauchen und
Grundrechte der Bürger einzuschränken.
Jetzt ist der Zeitpunkt für reflexartige Einwände unserer Politiker
(inklusive unserer neuen Bundesdaten~~sch~~__n__utzbeauftragte Andrea
Voßhoff, die die Vorratsdatenspeicherung
weiterhin ganz toll findet), wie z.B.:
-
Es wurden im Gegensatz dazu in Deutschland und in der EU schon
Phantastrillionen Anschläge verhindert, und zwar, äh, hmm, äh,
Sauerlandtruppe, ach, nee, die waren ja CIA-gesteuert, ähm, puh, weiß
nicht
-
ein Mißbrauch würde bei uns NIE passieren –
darauf gebe
ich mein Ehrenwort! Ich wiederhole, mein Ehrenwort!
Andere sehen den Einsatz der Bundesregierung und Genscher für
Chodorkowski ähnlich:
Weil es im Zusammenhang mit Chodorkowski viel Kritik am russischen
Justizsystem gibt: In USA ist es ja nicht besser, Gewaltenteilung gibt es
da schon lange nicht mehr. Die amerikanische Regierung versucht gerade mal
wieder, Gerichtsverfahren in der NSA-Spitzel-Affäre zu verhindern, wie
Golem berichtet, und vermutlich wird sie erfolgreich sein.
Rechtsfreie Räume gibt es nicht im Internet (entgegen aller Behauptungen),
wohl aber bei staatlichen Institutionen.
Kommt Ihnen der Verdacht auch immer wieder? Daß tatsächlich die BRD der
DDR beigetreten ist und uns nur etwas anderes erzählt wurde?
Wir werden von einer Ostdeutschen regiert, die in ihrer ganzen
Erziehungsphase sozialistisches Gedankengut aufgesaugt hat. Selbst, wenn
sie es wollte, kann sie es nicht so einfach über Bord werfen. Ihr
Regierungsstil unterscheidet sich nicht besonders von dem Honeckers mit
seinem Politbüro. Allein ihre Reden sind so eintönig, phrasenreich und
inhaltslos, daß sie auf jeden SED-Parteitag gepaßt hätten. Auch ihre Partei
ist mittlerweile entsprechend linientreu. Säuberungsaktionen verlaufen zwar
(noch) nicht in der Geschmacksrichtung »Pjöngjang«, aber Unkonforme werden
seit Jahren herausgeekelt. Selbst treueste Parteisoldaten wie Bosbach
werden da beim Abweichen von der Linie mit »Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen« beschimpft. Man muß
davon ausgehen, daß das kein Einzelfall ist.
Mit dem Bundestag ist es nicht viel besser. Der nähert sich auch immer
mehr der DDR-Volkskammer an. Richtig parliert wird im Parlament schon lange
nicht mehr, denn dazu würde gehören, daß man sich valide Argumente der
Opposition auch mal zu Herzen nimmt und sich, jenseits der Parteidoktrin,
in seiner Meinung beeinflussen läßt. Aber das Abstimmverhalten wird ja
schon lange von den Parteien vorgegeben, eigene Positionen oder gar der
rezipierte Wählerwille sind nicht mehr gefragt,
Artikel 38 Absatz 1 Satz 2
Grundgesetz nur noch eine Worthülse. Mittlerweile regt sich niemand
mehr auf, wenn im Koalitionsvertrag folgendes steht (Seite 184):
Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die
Koalitionsfraktionen einheitlich ab. Das gilt auch für Fragen, die nicht
Gegenstand der vereinbarten Politik sind. Wechselnde Mehrheiten sind
ausgeschlossen.
Dank der nun ziemlich kleinen Opposition im neuen Bundestag wird es auch
nicht besser werden. Ein paar Minuten dürfen die Linken und Grünen reden,
den Rest der Zeit werden sich die Regierungsabgeordneten in
Selbstbeweihräucherung ergehen. Erste Erfahrungen siehe auch hier (via Fefe).
Über unseren Ost-Bundespräsidenten muß man auch nichts weiter sagen. Man
hatte sich von ihm etwas mehr erwartet als von seinen beiden Vorgängern.
Aber er geriert sich als nicht besonders engagiert, ziemlich mutlos und
unfähig des Lerntransfers. Anders ist folgendes Zitat von Gauck nicht zu
erklären:
Wir wissen zum Beispiel, daß es [Anm.: die NSA-Schnüffelei] nicht
so ist wie bei der Stasi und dem KGB, daß es dicke Aktenbände gibt, in
denen unsere Gesprächsinhalte alle aufgeschrieben und schön abgeheftet
sind. Das ist es nicht.
(Originalquelle leider auf die Schnelle nicht gefunden, aber in der
Süddeutschen Zeitung zitiert.) Irgendjemand muß ihm dann gesagt
haben, was er für einen Blödsinn da erzählt hat, nachdem er später diese
Aussage revidierte. Aber der Eindruck einer eher willenlosen Marionette von
Merkels Gnaden bleibt.
Auch ist man dabei, das Erziehungssystem nach DDR-Vorbild umzubilden. Der
erste Schritt, ein Schulsystem zu schaffen, das im wesentlichen
marktkonforme, politisch ignorante Abgänger produziert, ist praktisch
abgeschlossen – Pisa-Studie und Rechtschreibreform zeigen das. Den zweiten
Schritt, die »Lufthoheit über den deutschen Kinderbetten« zu erlangen, wie
es Olaf Scholz schon 2002 formulierte, hat man dank »Kitas« fast
erreicht. Man hat die öffentliche Meinung so manipuliert, daß es
mittlerweile fast anrüchig ist, wenn man seine kleinen Kinder selber
erziehen will. Der dritte Schritt, die politische Indoktrination, ist
bestimmt schon in Planung…